
Titel, Thesen, Temperamente
Gießen, 26. Februar 2011. So herum geht's also auch: Mitten im Feenland der Wahrheit durch Täuschung, auf der Bühne also, hat einer einen realen Doktor und macht kein Aufhebens davon. Gemeint ist der Schauspieler Dr. phil. Roman Kurtz, der in Anne Rabes neuem Stück "Ohne Netz" nun den Peter spielt, einen der beiden Männer im Figurenquartett alter Studienfreunde. Silvia allerdings, seine trinkende Bühnen-Ehefrau (Lena Sabine Berg), hat damals die Dissertation für Karla (Kyra Lippler) geschrieben. Falsche Titel, wo man hinblickt? Schon möglich. Nur macht das die Autorin allenfalls zur Prophetin, nicht zur Abschreiberin. "Ohne Netz" befand sich längst fix und fertig in den Endproben, als die Causa Guttenberg losbrach.
Weißes Rauschen, Ghetto-Blaster und Kakteen
Anne Rabe, 24-jährige Dramatikerin von der Ostseeküste und seit der Uraufführung von "Das erste Stück über Martin" an der Schaubühne (2008) eine Hoffnung, hat ein sehr ordentliches Stück geschrieben. Zwölf Bilder hat es, ist ausgesprochen symmetrisch gebaut und entfaltet sich ohne Expositionsgeklapper und Zuspitzungszwang in so etwas wie bundesrepublikanische Flächigkeit. Kein Wunder, dass ein Stück Wellness-Soulpop, der Song Speechless, die Bilder absetzt.
Die Paare Peter und Silvia, Johann (Rainer Hustedt) und Karla machen gemeinsam Strandurlaub, um die alte Freundschaft neu zu beleben. Udo Herbster steckt sie in weiße Ferienklamotten und eine weiße Szenerie: Liege- und Plastikstühle nebst Tischchen am Meer als vierte Wand, dahinter eine mannshohe weiße Mauer. Ein einziges weißes Rauschen mithin, unterbrochen nur vom Jack Daniels für Silvia, Rotweinflaschen, Schirmchencocktails, Ghettoblaster und Kakteen, später dann vom curaçaoblauen Kleid der nicht minder blauen Silvia. Videos klammern alles ein, wobei der offene Himmel vom Anfang zuletzt zur Tsunami-Welle mutiert, die alles wegspült.
Sanfter Liz-Taylor-Richard-Burton-Ehehölle-Bezug
Natürlich hatten Silvia und Johann früher etwas miteinander. Und natürlich steht Peter als gutgestellter Beamter im Ministerium schnieke da, während Johann ihn anpumpen muss, da er gerade aus dem Job geflogen ist. Das Vierer-Idyll stößt somit an seine Grenzen, auch weil Anne Rabe ihren sanften Bezug aufs Modell der Liz-Taylor-Richard-Burton-Ehehölle von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" um zwei Abwesende aufpeppt. Wo Albee dem Collegepaar George und Martha ein Fantasiekind beigab, trauert Karla in Anne Rabes Stück nun um die Kinderschar, die nach ihrem einzigen Sohn Florian wegen einer Hysterektomie ungeboren bleiben musste.
Rabe verwandelt das Albee-Quartett nicht nur in heutige Forty-Somethings, sie ergänzt es auch um deren halbwüchsige Kinder Florian und Fanny, die zwar nie auftreten, auf geisterhafte Weise aber sehr präsent sind – sei es auf dem Handybild oder weil Silvia wollüstig fantasiert, wie sich die Fünfzehnjährigen gerade die Seele aus dem Leib vögeln. Die junge Generation leidet unter den Macken ihrer Wischiwaschi-Eltern: der haltlos egozentrischen Silvia, der überbesorgten Karla. Am Schluss sind sie plötzlich tot. Oder auch nicht. Denn womöglich überbietet Karla doch nur eins von Silvias kranken Horrorspielchen.
Kindskopf auf Realitätsflucht
Die flächigere Machart von "Ohne Netz" und Rabes Spiel mit dem Abwesenden (auch das Gruppenfoto kommt nie zustande: ein Running Gag) führen anders als bei Albee nicht zu klaustrophob "gutgemachten" szenischen Bravourstücken, sondern kommen einer breiteren, betroffeneren, "deutscheren" Rolleninterpretation zugute. Hustedt, blond und jünger, macht seinen Johann zu einem Kindskopf im Realitätsflüchtlingscamp, der Peter noch beim Anbetteln anpflaumt. Roman Kurtz als Peter ist älter, cooler, reifer hinter seiner Sonnenbrille, unter den Geheimratsecken. Er macht aber auch seine herablassende Nachsicht plausibel und spielt beim Federball mit Silvia lustvoll aus, wie es ist, wenn einem alles zufällt. Eine Erbschaft zum Beispiel. Nett das komische Intermezzo der Männer mit der Sonnencreme-Einrüstung im Schwarzlicht.
Lena Sabine Berg glänzt als Silvia in Stimmungsschwankungen zwischen alkoholisiertem "Party!!!"-Überschwang und Schein-Nüchternheit hier, rabiater Härte, Salbadern, Rumkommandieren. Silvias Ausdemleimgehen, von dem im Text die Rede ist, macht sie in Ragna Kircks Inszenierung streckenweise zur Besetzung gegen den Strich, denn dafür sieht sie zu gut aus und spielt zu dynamisch. Kyra Lipplers Karla rückt bei der Aufspaltung von Albees Martha in zwei Frauen allmählich in die Kassandra-Rolle, die Lippler mit ihrem offenen Spiel sehr fein aus der Urlaubsstimmung und der Zwischenstation Zickenkrieg ableitet. Die Regisseurin Ragna Kirck kann sogar Engel durchs Zimmer gehen lassen (kleine Stockungen einbauen), weil sie den Fluss der Inszenierung ohne Bedeutungshuberei, doch mit Sinn für Tempo! im Griff behält. Kircks Lehrer Hans Hollmann, hätte übrigens noch einen Dr.iur., den er nie gebraucht hat. Irgendwelche Angebote aus Berlin? Marcus Hladek, nachtkritik, 26.02.2011